Das ist ein Gastbeitrag von Laura von Mind Set Travel. Sie möchte uns dabei helfen, verantwortungsvoller zu reisen und sich der eigenen Privilegien bewusst zu werden. Im folgenden Beitrag zeigt uns Laura, dass Reisevorbereitung mehr bedeutet als nur den Rucksack zu packen und passt damit perfekt in meine Motivations-Kategorie. Mehr zu Laura und ihrem Blog findest du am Ende des Beitrags.

Ich bin feurige Verfechterin des planlosen Reisens. Meine schönsten Reisemomente erlebte ich, weil der Tag nicht verplant war und ich mich unvoreingenommen auf Land und Leute einlassen konnte.

Trotzdem gibt es vor einer Reise einiges zu organisieren. Mindestens um Flug, Visum und praktischerweise eine Geldquelle solltest du dich schon gekümmert haben. Das – und noch einiges mehr – sind aber nur die organisatorischen Dinge.

Du kannst dich, wenn du möchtest, auch mental auf deine Reise vorbereiten. Besonders, wenn es irgendwie Richtung Backpacking geht. Und ganz besonders, wenn das deine allererste Reise ist.

Was passiert, wenn du dich mental auf deine Reise einstellst?

Wie gesagt, du kannst dich vorbereiten, wenn du möchtest. Die meisten Reisenden legen viel Wert auf eine detaillierte organisatorische Planung. Außer um Flug und Visum kümmern sie sich auch um Impfungen, Geldkarten, Reisedokumente, Reiseausrüstung und Versicherungen. Außerdem buchen viele schon alle Unterkünfte vor, legen sich eine Tour und einen Reiseplan zurecht, stellen sich Listen mit Sehenswürdigkeiten zusammen und wissen schon genau, wann sie was machen.

Das hat vor allem mit einem gewissen Sicherheitsbedürfnis und hohen Erwartungen zu tun. Wir glauben, wir können alle Risiken mit einer vollen Reiseapotheke abdecken. Und wir wollen unbedingt auch so ein tolles Foto auf Instagram posten.

Du kannst nicht alles planen

Doch Überraschung: Eine akkurat durchgeplante Reise bietet dir weder mehr Sicherheit, noch wirst du besonders individuelle Erfahrungen machen. Passieren kann immer was. Sicherheit ist ein Trugschluss. Und die Wahrscheinlichkeit, dass du am Ende enttäuscht bist, ist größer, weil du vielen magischen Reisemomenten keinen Platz lässt.

Worauf du dich statt eines vollen Reiseplans einstellen könntest, wären Ehrlichkeit mit dir selbst und Offenheit. Was sind deine Erwartungen? Wo sind deine Toleranzgrenzen? Indem du dich in deiner gewohnten Umgebung zu Hause schon in ein paar Backpacking-Situationen begibst, kannst du im sicheren Rahmen ausloten, was du von der Reise erwartest und eine offene Haltung üben.

1. Beschäftige dich mit deinen Erwartungen, Vorurteilen und Ängsten.

Bevor du irgendetwas anderes machst, nimm ein großes Stück Papier, schreibe oben dein Reiseziel auf und brainstorme darunter, was du über diesen Ort weißt oder zu wissen glaubst und was du erwartest. Hier gibt es kein Richtig oder Falsch. Meine spontane Liste sähe so aus

  • Japan:
  • saubere Straßen
  • schwarze Haare
  • kreative Jugend
  • Höflichkeit, Freundlichkeit
  • Kirschblüte (Wetter im Dezember? Schnee??)
  • Smog
  • Manga
  • Harukami Murakami
  • Samurai
  • Maria Kannon

Nimm dir Zeit für diese Liste. Sie sollte ausschließlich aus deinen eigenen Ideen und Vorstellungen bestehen und darf ruhig gründlich und umfassend, aber vor allem ehrlich ausfallen.

Wir alle haben Vorurteile, positive wie negative. Gehirntechnisch gesehen helfen sie uns, im täglichen Leben zurechtzukommen. Erst wenn du sie aufschreibst, merkst du, dass du sie hast. Du machst dir bewusst, dass sie in deinem Kopf entspringen und lässt dich viel eher darauf ein, sie zu enttäuschen.

Ebenso deine Erwartungen und Ängste. Hinterfrage sie. Woher kommen sie? Wenn du fliegst, lass die Liste – und alle Erwartungen und Ängste – einfach zu Hause. Das hilft dir auch symbolisch, ganz offen und neugierig deine Reise anzutreten.

2. Sei alleine mit dir selbst.

Wie viel Einsamkeit hältst du aus? Auf meiner Radtour durch Deutschland und Schweden, abends im Zelt, ist mir aufgegangen, wie gerne ich mich mit anderen Menschen austausche. Ich habe gemerkt, dass ich trotz meiner Introvertiertheit nicht zur Einsiedlerin tauge.

Reisen kann manchmal einsam sein. Vor allem am Anfang, wenn du vor Ort noch keine engeren Kontakte geknüpft hast. Vielleicht suchst du ja gerade nach dieser Erfahrung, so wie ich damals auch. Wenn dir das eher Angst machst, kannst du dich schon zu Hause darauf einstellen, indem du dich einfach mal mit dir selbst beschäftigst.

3. Begib dich unter fremde Leute.

Ich finde Menschen auf Dauer anstrengend. Introvertiertheit lässt grüßen. Trotzdem begebe ich mich regelmäßig auf Couchsurfing-Treffen und Networking Events, um Inspiration zu bekommen.

Wie gut und schnell kannst du auf Fremde zu- und eingehen? Die Menschen vor Ort in deinem Reiseland sind der Schlüssel zu ihrer Kultur. Wenn du eine ähnlich hohe Hemmschwelle Unbekannten gegenüber hast wie ich, dann schmeiß dich schon in Deutschland mal in eine fremde Menge und schau, wie du damit zurechtkommst.

Raus aus der Komfortzone – auch daheim

4. Lerne die Landessprache.

Das verschafft dir schnell einen Vorsprung für Punkt 3. Fange nicht erst vor Ort an, sondern lege dir schon vorher ein paar Wörter oder besser noch Sätze zurecht.

Wie kannst du dich vorstellen? Was möchtest du unternehmen? Was sind auch deine Essensvorlieben oder Allergien? Schreibe ein paar Sätze auf Deutsch auf, von denen du denkst, dass sie dir hilfreich sein könnten. Dann kannst du sie mit einem Phrasenbuch oder online übersetzen (lassen) und die Aussprache üben.

5. Politik, Wirtschaft, Geschichte, Kultur.

Suche dir Bücher und andere Medien aus deinem Reiseland, nicht nur über dein Reiseland. Was schreiben die Zeitungen dort? Welche Musik wird gehört? Lerne globale Zusammenhänge kennen. Export, Import, Kolonialgeschichte.

Das klingt zwar trocken, aber es weitet deinen Horizont enorm. So wirst du deine Reiseerfahrungen nicht in einem Vakuum machen, sondern merken, in welche komplexen Systeme jede Situation eingebunden ist.

6. Sei Tourist in deiner Stadt.

Findest du abgelegene Orte und wilde Natur auch vor deiner Haustür? Komme mal in deiner Heimat mit den Einheimischen in Kontakt. Das ist ja immer unser großes Ziel im Ausland, aber warum eigentlich nur dort?

Versuche, „total authentische“ Fotos und Selfies in deiner Straße zu machen. Kommt dir das komisch vor? Hinterfrage deine Beweggründe und überlege, warum du dich als Reisende*r bei solchem Verhalten eher wohlfühlst als Zuhause.

7. Übe das Backpacker-Leben.

Lebe schon jetzt aus dem Rucksack und finde heraus, wie viel du wirklich brauchst. Trage den vollen Rucksack mit dir herum und spüre sein Gewicht. Das ist meistens ein unschlagbares Argument, doch noch ein wenig auszusortieren.

Wasche deine Kleidung per Hand. Lerne kochen. Trage eine Brille statt Kontaktlinsen, falls du das auch unterwegs vorhast. Nutze ein T-Shirt als Handtuch und Duschgel für Haare, Haut, Rasur und Wäsche. Baue andere gängige Backpacking-Tipps in deinen deutschen Alltag ein. Schlafe im Schlafsack statt unter der Decke. Trinke nur Leitungswasser. Oft ist stilles Wasser der einzige verfügbare Durstlöscher. Unpraktisch, wenn man da sehr an Kohlensäure gewöhnt ist.

Das klingt alles wie abenteuerliches Survivaltraining. Das soll es aber gar nicht. Erstens entscheidest du selbst über deinen Grad an Komfort. Auch dabei gibt es keine bessere oder schlechtere Art zu reisen. Das darfst du ganz für dich entscheiden.

Und zweitens erscheint das Backpacking durch solches Training dann vor Ort wesentlich weniger abenteuerlich und exotisch. Ein solcher Lebens- und Reisestil bietet viel weniger (unangenehme) Überraschungen, wenn du dich schon zu Hause daran gewöhnt hast.

Übung macht den Meister

Du merkst, dass du die Freiheit hast, so zu leben und zu reisen, wie du möchtest und entwickelst Dankbarkeit für dieses Privileg. Dadurch verfliegt die berühmt-berüchtigte Besserwisserei und Mäkelei der (deutschen) Touristen. Du kannst dich wirklich voll und ganz auf die Kultur in deinem Reiseland einlassen, ohne schnell in eine abwertende Haltung zu kommen.

8. Wisse, dass alles ganz anders kommen wird.

Deine Erwartungen werden erschüttert werden. Im positiven wie im negativen Sinne. Alles wird ganz anders sein, als du es erwartet hast.

Die meisten Ängste bleiben unbegründet und verfliegen. Die großen Wünsche werden oft nicht erfüllt und dafür durch noch viel bessere, vorher unvorstellbare Erfahrungen ausgetauscht. Deine Weltsicht wird sich ändern. Zumindest, wenn du es zulässt. Das ist die Magie des Reisens. Und die lässt sich glücklicherweise absolut nicht üben.

Die mentale Reisevorbereitung – ich nenne sie auch gerne Reisevorbereitung fürs Herz – hilft dir nicht nur, deinem Reiseland unvoreingenommener entgegenzutreten. Du wirst vor allem entspannt deine Reise genießen können und offen sein für alle Wendungen. Das macht dich zu einem verantwortungsvollen Backpacker, der sich auch seiner Erwartungen und seiner Privilegien bewusst ist.

Bereitest du dich auch mental auf deine Reisen vor? Verrate uns deine Tipps in den Kommentaren.


Laura von Mind Set Travel

Laura pendelt mit ihrer Familie zwischen Kenia und der Welt. Sie glaubt fest daran, dass Achtsamkeit und Ehrlichkeit über eigene Vorurteile die Reiseerfahrung nur vertiefen. Auf mind-set-travel.com inspiriert sie mit ihren authentischen Geschichten. In ihrem Kurs VorFreudeBereitung hilft sie dir, deine nächste Reise ganz entspannt und verantwortungsbewusst zu planen.

 

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